„Gegen das Vergessen“ auf dem Liesel-Aussen-Platz – TGG-Schüler*innen begleiteten internationale Ausstellung 

Zwischen Fahrrädern, Einkaufstüten und Schulwegen blickten Mitte September plötzlich großformatige Porträts von Holocaust-Überlebenden den Vorbeigehenden entgegen. Für einen Moment wurde der Alltag unterbrochen und genau das war gewollt. 

Im Gedenkjahr des 80. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz wurde vom 16. September bis zum 4. Oktober 2025 die internationale Fotoausstellung „Gegen das Vergessen“ des deutsch-italienischen Fotografen und Filmemachers Luigi Toscano auf dem Liesel-Aussen-Platz in Leer gezeigt. Die feierliche Eröffnung fand am 16. September um 18 Uhr im Beisein des Künstlers statt. 

Rund 40 eindrucksvolle Porträts von Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung verwandelten den Platz in einen Ort des Erinnerns und der Begegnung. 

Die Ausstellung wurde von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GFCJZ) Ostfriesland in Kooperation mit der Stadt Leer und Luigi Toscano anlässlich des 100. Geburtstags des Leeraner Ehrenbürgers Albrecht Weinberg organisiert. Schülerinnen und Schüler des Teletta-Groß-Gymnasiums Leer begleiteten das Projekt im Rahmen des Seminarfachs „Jüdische Lebenswelten“ unter der Leitung von Claudia Lax als Guides über den Platz, um Fragen zu beantworten. Unterstützt wurde die Ausstellung von der Sparkasse Leer, dem Landesverband GFCJZ und der Zeitungsgruppe Ostfriesland. 

Toscanos Projekt, das seit 2014 weltweit gezeigt wird, unter anderem vor den Vereinten Nationen in New York und am UNESCO-Hauptquartier in Paris, verfolgt ein klares Ziel: „Ich möchte, dass man den Überlebenden in die Augen sieht“, betont Toscano. „Damit niemand je wieder sagen kann: Ich habe es nicht gewusst.“ 

Zu den in Leer gezeigten Porträts gehörte auch das der Holocaust-Überlebenden Susanne Cernyak-Spatz (1922-2019), deren Lebensweg exemplarisch für Verfolgung, Überleben und Neubeginn steht. Sie wurde in Wien geboren, floh nach dem „Anschluss“ mit ihrer Mutter nach Prag und wurde 1942 nach Theresienstadt, später nach Auschwitz-Birkenau und schließlich nach Ravensbrück deportiert. 1945 befreit, emigrierte sie in die USA, wurde Professorin für Germanistik und Holocauststudien und setzte sich ein Leben lang für die Aufklärung über die Shoa ein. 

„Ich lehre keine Geschichte“, sagte sie, „ich spreche über den universellen Effekt von Hass, Gewalt und Grausamkeit, der bis heute wirkt.“ 

In einer Zeit, in der die Stimmen der Überlebenden immer leiser werden und gesellschaftliche Spaltungen zunehmen, setzte „Gegen das Vergessen“ in Leer ein starkes Zeichen. Die Ausstellung zeigte, dass Erinnerung keine Angelegenheit der Vergangenheit ist, sondern eine Verpflichtung für die Zukunft. Die Porträts mahnten, dass das Erinnern nur dann lebendig bleibt, wenn es gesehen, geteilt und weitergetragen wird. So wurde die Ausstellung zu einem eindrucksvollen Appell für Empathie, Zivilcourage und Menschlichkeit und zu einer Erinnerung daran, dass Geschichte uns alle betrifft. 

Parallel zur Ausstellung lief in Leer ebenfalls Toscanos Dokumentarfilm „schwarzer Zucker, rotes Blut“. Die anschließende Rezension setzt sich näher mit diesem Film und der Geschichte von Anna Stryschkowa auseinander. 

 „Schwarzer Zucker, rotes Blut“ – Filmrezension 

Sie kannte weder den Namen ihrer Eltern, noch wusste sie, wo sie herkam. 

Auf den Spuren der Holocaust – Überlebenden Anna Stryshkowa 

Der Filmemacher Luigi Toscano recherchiert in seinem Dokumentarfilm „Schwarzer Zucker, rotes Blut“ aus dem Jahre 2024 die Herkunft der Holocaust-Überlebenden Anna Stryshkowa aus Kjiw, die als Kleinkind aus dem Konzentrationslager Ausschwitz-Birkenau befreit wurde. 

Dabei begibt er sich auf den Weg, alles aus Annas Vergangenheit herauszufinden, um ihr Gewissheit über ihre wahre Identität und Herkunft zu geben. Dieser Spurensuche führt ihn unter anderem durch das Belarussiche Dorf Pronino, in verschiedene Konzentrationslager in Polen, nach Kjiw in der Ukraine und auch nach Unna in Nordrhein Westfahlen. 

Das Einzige, was Anna an Information zu ihrer Person hat, ist ihre Häftlingsnummer aus einem Propagandafilm der UdSSR, in dem sie eine Rolle spielt. 

Bekannt wurde Toscano durch sein Projekt „Gegen das Vergessen“, in dem er Porträts von Holocaust-Überlebenden anfertigt und ihre Geschichten dokumentiert. Die Begegnung mit Anna führte schließlich zu diesem Film, der nicht nur eine historische, sondern auch eine persönliche Reise ist. 

Besonders eindrucksvoll ist der emotionale Beginn des Dokumentarfilms. Ein Gedicht, geschrieben und vorgetragen von Annas Tochter, schafft sofort eine tiefe, nachdenkliche Atmosphäre, die durch die Musik im Hintergrund noch eindrucksvoller wird. Anfangs erforderte es etwas Zeit, sich auf die Geschichte und Erzählweise einzulassen, doch gerade diese ruhige und respektvolle Annäherung an Annas Schicksal macht den Film letztendlich so intensiv, sodass er selbst nach Ende des Films Zeit zum Nachdenken erfordert. 

Angesichts des Kriegs in der Ukraine musste Anna mit ihrer Tochter im Sommer 2025 nach Deutschland fliehen. Sie leben jetzt in Schleswig Holstein. 

Luigi Toscano gelingt es mit einfühlsamen Interviews, eindrucksvollen Bildern historischer Orte und emphatischer Art und Weise, Annas Vergangenheit mit Bedacht einzufangen, um ihr Gewissheit über ihr eigenes Leben zu geben. 

Über Luigi Toscanos Projekt „Gegen das Vergessen“ wurde auch ein Artikel verfasst, der sich mit der Austellung in Leer auseinandersetzt.